Es gibt eine Aussage, die man heute oft versucht zu vermeiden: Wer sich zu Jesus Christus bekennt, zieht eine Linie. Nicht, weil er es will, und nicht, weil er andere ausschließen möchte, sondern weil das Bekenntnis selbst eben diese Linie ist.
Man kann es drehen und wenden, wie man will: In dem Moment, in dem ein Mensch sagt „Jesus Christus ist Herr", hat er gleichzeitig indirekt gesagt, dass etwas anderes eben nicht Herr ist. Kein anderer Gott, keine andere Ideologie, kein anderes Selbst. Das Bekenntnis ist immer auch eine Verneinung, und wer Ja sagt zu Christus, sagt an einer bestimmten Stelle unweigerlich auch Nein zu allem, was diesen Anspruch bestreitet.
Das war noch nie anders. Die ersten Christen wurden nicht verfolgt, weil sie einen weiteren Gott zu ihrer „Sammlung" hinzufügten – das hätte Rom kaum gestört, es gab ja genügend Platz für viele Götter. Verfolgt wurden sie, weil sie sagten: nur dieser eine. Genau diese Ausschließlichkeit war der Skandal, nicht die Frömmigkeit, sondern der Absolutheitsanspruch.
Und heute? Heute ist die Kulisse eine andere, aber der Kern derselbe. Die moderne Welt duldet Glauben, solange er sich als eine Option unter vielen versteht, als persönliche Vorliebe, so eine Art von „Lifestyle“. Was sie nicht duldet, ist der Anspruch auf Wahrheit. Wer sagt „Ich glaube, das könnte für mich stimmen", stört niemanden. Wer aber sagt „Das ist in meinen Augen wahr, für dich und für mich und für jeden Menschen", der zieht eine Grenze, die als Anmaßung empfunden wird.
Genau hier liegt die Versuchung für den Christen: die Grenze wegzuerklären, sie zu relativieren und zu verwischen, um des lieben Friedens willen. Das Bekenntnis so zu verdünnen, dass es bloß niemandem mehr wehtut. Ich merke diese Versuchung übrigens auch bei mir selbst, gerade in Gesprächen, in denen man den anderen eigentlich gewinnen möchte und dabei zu schnell nachgibt. Aber ein Bekenntnis, das niemandem wehtut, das niemanden herausfordert, ist letztendlich kein Bekenntnis mehr, sondern bestenfalls eine Meinung.
Dabei ist die Abgrenzung selbst nie das Ziel, und das muss klar gesagt werden, gerade weil es so leicht missverstanden wird. Der Auftrag ist nicht Rückzug, nicht Distanz, kein Kreis, der sich selbst genügt. Der Auftrag ist das genaue Gegenteil: hinausgehen, auf die Menschen zugehen, sie lieben, für sie da sein, sie gewinnen wollen für den, der auch für sie gestorben ist. Christus ging zu den Zöllnern, den Ausgestoßenen, den Unreinen. Er war der am wenigsten abgegrenzte Mensch, der je gelebt hat.
Aber genau dieser Christus sagte auch: Wer nicht mit mir ist, ist gegen mich. Er sagte: Ich bin der Weg, die Wahrheit, das Leben, niemand kommt zum Vater, denn durch mich. Das ist keine Formulierung, die Optionen offenlässt, und die Liebe, mit der er auf Menschen zuging, stand zur Kompromisslosigkeit seines Anspruchs nie im Widerspruch. Beides gehörte zusammen, wie zwei Seiten derselben Münze – wobei ich zugeben muss, dass jede Münze irgendwann abgegriffen ist und das Bild ein bisschen zu glatt wird für das, was hier eigentlich gemeint ist.
Wer also heute Christus bekennt, muss beides aushalten: die Sehnsucht, jeden Menschen zu erreichen, und das Wissen, dass genau dieses Bekenntnis von außen, wie eine Art trennender Zaun aussehen kann. Nicht, weil man einen Zaun ziehen wollte, sondern weil Wahrheit, ernst genommen, tatsächlich immer eine Grenze markiert zu dem, was nicht wahr ist.
Wir können dieser Spannung nicht entkommen, indem wir sie auflösen. Wir können ihr nur begegnen, indem wir sie tragen: mit offenen Armen und einem festen Wort, mit einer Tür, die weit aufsteht, und einem Bekenntnis, das eben nicht verhandelbar ist.
In herzlicher Verbindung
Uli Falk
Neuapostolische Kirche